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Kennst du das Gefühl, jahrelang durch einen Nebel zu laufen? Du merkst, dass andere Menschen sich leichter zurechtfinden, dass sie Regeln beherrschen, die dir niemand erklärt hat. Du fühlst dich wie ein Gast auf einer Party, bei der alle anderen das Drehbuch kennen, nur du nicht.
Bei Elke hat es fast sechs Jahrzehnte gedauert, bis sie die passenden Worte für diesen Nebel fand: ADHS und Gesichtsblindheit.
Es ist oft ein langer, steiniger Weg bis zur Diagnose – besonders für Frauen ihrer Generation. Doch wenn die Mauer des Unwissens erst einmal Risse bekommt, ändert das alles. Elke war so mutig, ihre Erfahrungen mit uns zu teilen. Ihr Bericht zeigt uns, dass es nie zu spät ist, sich selbst zu verstehen und das „Versteckspiel“, wie ich es oft nenne, zu beenden.
Hier ist Elkes Geschichte – authentisch und voller Aha-Momente.
Gastbeitrag von Elke: Meine Reise zur Diagnose
Hallo, ich heiße Elke und bin 58 Jahre alt. Im Jahr 2022 – im Zusammenhang mit der Diagnose meiner Tochter – habe ich meine eigene ADHS-Diagnose erhalten.
ADHS ist eine neurologische Besonderheit, die sich auf eine verminderte Kontrolle und Verarbeitung von Impulsen (Spontanität) und Reizen auswirkt. Das macht sich besonders dort bemerkbar, wo viele Eindrücke auf einmal auf einen einprasseln: auf Konzerten, Partys oder großen Gruppenveranstaltungen. Ich zum Beispiel reagiere extrem spontan auf alles Neue – seien es Warenangebote im Laden oder Menschen, die plötzlich zu einem Gespräch dazukommen.
Ein Blick zurück: Träumerei und Anstrengung
In der Schule galt ich eher als verträumt. Ich hing oft meinen Gedanken und Phantasien nach. In der Grundschule passierte es mir ständig: Auf dem Nachhauseweg vergaß ich schlichtweg, welche Hausaufgaben ich erledigen sollte. Oft saß ich dann vom Nachmittag bis spät in den Abend an meinen Aufgaben.
Mit dem Beginn der Oberstufe kam der Bruch. Ich war nicht mehr in der Lage, die Unterrichtsinhalte aufzunehmen – sie interessierten mich einfach nicht. Erst der Wechsel zu einem Berufskolleg rettete mich. Dort gab es mehr Alltagsbezug, und plötzlich waren mein Interesse und meine Aufmerksamkeit wieder hellwach.
Das Gefühl, ein „Fremdkörper“ zu sein
Nach sozialen Ereignissen – egal ob Familienfeiern, Sommerfeste, Wochenenden bei Freundinnen oder Ausflügen – hatte ich früher sehr oft starke Kopfschmerzen. Meine Familie wollte mich schützen und schirmte mich vor Aufregungen und besonderen Anstrengungen ab. Ich galt als sehr schüchtern. Heute weiß ich: Es war meine Gesichtsblindheit. Ich hielt mich eher am Rand des Geschehens auf, fast wie eine Beobachterin.
Schon als Kind in der Grundschule passierte es mir bei Familienfeiern ständig, dass ich Tanten und Onkel mit falschem Namen ansprach. Im Berufsleben ließ ich mich anfangs leicht ablenken. Ich fing eine Aufgabe an, und wie von selbst landete plötzlich etwas anderes in meiner Hand. Erst über die Jahre lernte ich, meinen Alltag massiv zu strukturieren, Prioritäten zu setzen und nach einer geplanten Reihenfolge zu arbeiten (auch wenn Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen! 😉).
Der Moment der Klarheit
Nach meiner Diagnose suchte ich den Austausch. Ich nahm Kontakt zu ADHS-Gruppen und später auch zu Autismus-Selbsthilfegruppen auf. Aber bei beiden fühlte ich mich nicht vollends abgeholt. Ich merkte, wie schwer es mir fiel, mich wirklich zu beteiligen. Der Grund? Ich konnte die Gesichter der anderen Teilnehmer nicht mit ihren Namen verbinden. Wieder fühlte ich mich wie ein „Fremdkörper“.
Der eigentliche Durchbruch kam durch eine banale Situation im Büro. Ich fragte eine Kollegin nach dem Namen einer anderen Mitarbeiterin, die ich angeblich „lange nicht gesehen“ hatte. Die Kollegin antwortete: „Normalerweise trägt sie bunte, enge Kleidung. Das war Frau X.“ An diesem Tag trug Frau X jedoch einen weitschwingenden Mantel über ihrer Kleidung.
In diesem Moment wurde mir schlagartig klar: Ich erfasse Personen gar nicht über ihr Gesicht. Ich erkenne sie an ihrem Kleidungsstil, an besonderen Accessoires, am Gangbild, an der Stimme oder der Frisur. Sobald sich ein Merkmal ändert – wie der weite Mantel statt der engen Kleidung – ist die Person für mich eine Fremde.
Diese Erkenntnis, gesichtsblind zu sein, hat mir endlich eine Erklärung für mein lebenslanges Unbehagen in Gruppen und bei Firmenveranstaltungen gegeben. Es war nichts „falsch“ mit mir – meine Wahrnehmung funktioniert einfach anders.